Informelle Malerei
Der impulsive Kosmos der Hilla Jablonsky Hilla Jablonskys Bildwelt lässt der Wahrnehmung des Betrachters weite Spielräume. Ihre Kompositionen stehen in der Tradition des Informel, das die spontane Geste feierte. Oft entstehen sie auf der Grundlage seelischer Gefühlszustände. In ihrem unbändigen Beharren auf Subjektivität verwandelt Jablonsky Glücksmomente und Heiterkeit, Unruhe und Angst, Zorn und Trauer in ein Schlachtfeld aus Farbflecken Linien und grafischen Kürzeln. Das Erstaunliche: Am Ende steht eine Ordnung von harmonischer Balance. Feministische Perspektive: Paartanz im Paradies Der Wille zur Abstraktion um jeden Preis ist der Künstlerin indessen fremd. Die menschliche Figur hat als lineare Chiffre in ihrem imaginierten Universum ebenso Platz wie der Zufall und das Unterbewusste. Mal ironisch, mal kampfeslustig stellt Jablonsky das Verhältnis der Geschlechter dar - der Phallus gehört dabei zum gern und häufig zitierten Signal. Da spreizt vor zinnoberrotem Hintergrund eine männliche Gestalt ihre schwarzen Glieder wie ein Pfau, eine entsprechende Donna lockt tänzelnd mit ausgebreiteten Armen. Die erotische Komponente ist bei Jablonsky immer mit einer Portion Witz und - rar aber offenbar gibt es das augenzwinkerndem Feminismus versehen. „Das Paradies ist anstrengend“ (WVZ 8668) kommentiert die Künstlerin das Balz-Duett zwischen Adam und Eva im Titel. Die Fläche nutzt sie als Aktionsfeld. Hier lässt Hilla Jablonsky den Energien freien Lauf. Auf dem Gemälde „Der große Schoß“ (1986, WVZ 8673) wirbeln rote, blaue, schwarze und weiße Gebilde auf gelbem Grund. Umschlossen sind sie von einem fleischfarbenen Rosaton, eine weiße Nabelschnur durchzieht die Bildmitte. Noch ist nichts ausgebildet in diesem Uterus, noch scheint alles möglich. Frau oder Mann, Amöbe oder Insekt im pränatalen Getümmel pulsiert und gärt es mit explosiver Vitalität. Archaische Gestalten tauchen auf, winzig, im Rudel und wie auf einer Höhlenzeichnung. Die Geburt der Schöpfung steht kurz bevor. Skripturen im Tee: Notate gegen die Flüchtigkeit Aber auch leise, grazile Arbeiten gibt es. Unter ihnen finden sich mit Tee eingefärbte Blätter, auf denen sich bisweilen Schriftzüge entdecken lassen. Es sind behutsam gestammelte Worte, die sich wie lyrische Verse einen fiktiven Betrachter richten: Notate gegen die Flüchtigkeit inmitten eines Stakkatos aus kühlen Farbspritzern. Das Zusammenspiel ergibt spannungsgeladene Improvisationen, Liebesgeflüster inklusive. In der Serie „Kleine Wonnen“, bei der Jablonsky die Bewegung schwarzer Zeichen auf gelbem Grund erprobt, ist das Vokabular ist kalligraphisch verknappt, alle Energie gebündelt in wenigen Strichen und Pinselschwüngen. Die chaotischen Kräfte haben sich formiert zu einer lakonischen Choreographie von meditativer Wirkung: Die emotionale Geste endet, für eine Weile, in gelöster Ruhe. Märchen und Mythen: Das Meer als Metapher Woanders beschwört Jablonsky Märchen und Mythologien. So bewahrt sie die Symbole unseres kollektiven Gedächtnisses vor dem Vergessen. Zugleich entfaltet sich ein emanzipatorisches, oft auch feministische Potenzial. Die Rolle des Ikarus beispielsweise ist der Frau übertragen. Sie ist es, die den Ausbruch wagt und der nun Flügel wachsen. Mit Hilfe ihrer neu erlangten Schwingen steigt die „Ikara“ auf in die Lüfte, ins Reich der Fantasie. Die unten lauernden Abgründe schrecken sie nicht ab. Der Traum vom Fliegen ist natürlich der Traum von künstlerischer wie sinnlicher Freiheit. Und so schimmern gerade in dieser Figur die Züge eines Selbstportraits hindurch. Auch bei den „Meerfrauen“ die nicht zuletzt Assoziationen an das uralte Motiv des Fischens wecken, finden sich Hinweise auf das Leben des modernen Menschen. So können die Netze gesprühte Gitterstrukturen, die auf Jablonskys Bildern immer wieder auffallen sowohl als Bedrohung, als Gefahr von Einengung und Verstrickung verstanden werden, wie auch als Zeichen kommunikativer Verknüpfung. Ebenso mehrdeutig ist das Gegenstück mit dem Titel „Meermänner“. Das Meer hat von jeher eine große Faszination auf Hilla Jablonsky ausgeübt. Sie lebte viele Jahre an der Küste, ihr Mann Walter war bei der Marine. Biographisches mag also eine Rolle spielen. A ber auch als romantische Metapher des Stirb und Werde spiegelt das Meer für Hilla Jablonsky eine Fülle existentieller Empfindungen wider. Überhaupt sind ihre Arbeiten von Naturerscheinungen und Landschaftserfahrungen stärker inspiriert, als man auf den ersten Blick festzustellen glaubt. So finden sich Wolkenformen, kleine Sonnen und an Gestirne erinnernde Kürzel. Gelegentlich hat die Künstlerin sogar Sand auf die Leinwand geschüttet, um die Präsenz des Bildes ins Taktile zu steigern, um es materiell fühlbar zu machen. Sie will eben alle Sinne zum Sprechen bringen. Grenzüberschreitung: Vom Bild zur Aktion Dafür sprengt Jablonsky hin und wieder den Rahmen des traditionellen Bildes. Schon die farbgetränkten Tuchreste, aus denen sie ihre kleinen „Nesselstücke“ fertigt, verließen das sichere Terrain, das die zwischen Holzleisten gespannte Leinwand bietet. Geknittert und zerknüllt, gedreht und gewendet haben sie eine experimentelle Behandlung durchlaufen, die jede Orientierung von Oben und Unten, Vorne und Hinten bis zuletzt verweigert. Hier und da werden solche „Nesselstücke“ weiterverarbeitet und – im „Leib-auf-Leib- Verfahren“ (Jablonsky) – in andere Bilder integriert. Beim „Kleid der Malerin“ gewinnt das eincollagierte Stoffelement eine zusätzliche Dimension, denn das schürzenähnliche Gewand ist Relikt einer Performance. Es dokumentiert die Spuren ihrer Aktion „Farben essen“. Dabei setzte Jablonsky ihren Kittel als Malgrund ein, der nach der „Häutung“, quasi als Beweismittel, überlebt und wiederum zu Kunst mutiert. Marion Leske (1994/2019)
Experten zu Besuch in Bonn Marion Leske - Bonn Kulturjournalistin
Hilla Jablonsky
Stand: 29.12.2019, 17:59
Stand: 15.01.2020, 12:54
Hilla Jablonsky
Experten zu Besuch in Bonn
Marion Leske - Bonn Kulturjournalistin
Hilla Jablonsky
Der impulsive Kosmos der Hilla Jablonsky Hilla Jablonskys Bildwelt lässt der Wahrnehmung des Betrachters weite Spielräume. Ihre Kompositionen stehen in der Tradition des Informel, das die spontane Geste feierte. Oft entstehen sie auf der Grundlage seelischer Gefühlszustände. In ihrem unbändigen Beharren auf Subjektivität verwandelt Jablonsky Glücksmomente und Heiterkeit, Unruhe und Angst, Zorn und Trauer in ein Schlachtfeld aus Farbflecken Linien und grafischen Kürzeln. Das Erstaunliche: Am Ende steht eine Ordnung von harmonische Balance. Feministische Perspektive: Paartanz im Paradies Der Wille zur Abstraktion um jeden Preis ist der Künstlerin indessen fremd. Die menschliche Figur hat als lineare Chiffre in ihrem imaginierten Universum ebenso Platz wie der Zufall und das Unterbewusste. Mal ironisch, mal kampfeslustig stellt Jablonsky das Verhältnis der Geschlechter dar - der Phallus gehört dabei zum gern und häufig zitierten Signal. Da spreizt vor zinnoberrotem Hintergrund eine männliche Gestalt ihre schwarzen Glieder wie ein Pfau, eine entsprechende Donna lockt tänzelnd mit ausgebreiteten Armen. Die erotische Komponente ist bei Jablonsky immer mit einer Portion Witz und - rar aber offenbar gibt es das – augenzwinkerndem Feminismus versehen. „Das Paradies ist anstrengend“ (Wvz 8668) kommentiert die Künstlerin das Balz- Duett zwischen Adam und Eva im Titel. Die Fläche nutzt sie als Aktionsfeld. Hier lässt Hilla Jablonsky den Energien freien Lauf. Auf dem Gemälde „Der große Schoß“ wirbeln rote, blaue, schwarze und weiße Gebilde auf gelbem Grund. Umschlossen sind sie von einem fleischfarbenen Rosaton, eine weiße Nabelschnur durchzieht die Bildmitte. Noch ist nichts ausgebildet in diesem Uterus, noch scheint alles möglich. Frau oder Mann, Amöbe oder Insekt – im pränatalen Getümmel pulsiert und gärt es mit explosiver Vitalität. Archaische Gestalten tauchen auf, winzig, im Rudel und wie auf einer Höhlenzeichnung. Die Geburt der Schöpfung steht kurz bevor. Skripturen im Tee: Notate gegen die Flüchtigkeit Aber auch leise, grazile Arbeiten gibt es. Unter ihnen finden sich mit Tee eingefärbte Blätter, auf denen sich bisweilen Schriftzüge entdecken lassen. Es sind behutsam gestammelte Worte, die sich wie lyrische Verse einen fiktiven Betrachter richten: Notate gegen die Flüchtigkeit inmitten eines Stakkatos aus kühlen Farbspritzern. Das Zusammenspiel ergibt spannungsgeladene Improvisationen, Liebesgeflüster inklusive. In der Serie „Kleine Wonnen“, bei der Jablonsky die Bewegung schwarzer Zeichen auf gelbem Grund erprobt, ist das Vokabular ist kalligraphisch verknappt, alle Energie gebündelt in wenigen Strichen und Pinselschwüngen. Die chaotischen Kräfte haben sich formiert zu einer lakonischen Choreographie von meditativer Wirkung: Die emotionale Geste endet, für eine Weile, in gelöster Ruhe. Märchen und Mythen: Das Meer als Metapher Woanders beschwört Jablonsky Märchen und Mythologien. So bewahrt sie die Symbole unseres kollektiven Gedächtnisses vor dem Vergessen. Zugleich entfaltet sich ein emanzipatorisches, oft auch feministische Potenzial. Die Rolle des Ikarus beispielsweise ist der Frau übertragen. Sie ist es, die den Ausbruch wagt und der nun Flügel wachsen. Mit Hilfe ihrer neu erlangten Schwingen steigt die „Ikara“ (Wvz Nr. Z) auf in die Lüfte, ins Reich der Fantasie. Die unten lauernden Abgründe schrecken sie nicht ab. Der Traum vom Fliegen ist natürlich der Traum von künstlerischer wie sinnlicher Freiheit. Und so schimmern gerade in dieser Figur die Züge eines Selbstportraits hindurch. Auch bei den „Meerfrauen“, die nicht zuletzt Assoziationen an das uralte Motiv des Fischens wecken, finden sich Hinweise auf das Leben des modernen Menschen. So können die Netze – gesprühte Gitterstrukturen, die auf Jablonskys Bildern immer wieder auffallen – sowohl als Bedrohung, als Gefahr von Einengung und Verstrickung verstanden werden, wie auch als Zeichen kommunikativer Verknüpfung. Ebenso mehrdeutig ist das Gegenstück mit dem Titel „Meermänner“. Das Meer hat von jeher eine große Faszination auf Hilla Jablonsky ausgeübt. Sie lebte viele Jahre an der Küste, ihr Mann Walter war bei der Marine. Biographisches mag also eine Rolle spielen. Aber auch als romantische Metapher des Stirb und Werde spiegelt das Meer für Hilla Jablonsky eine Fülle existentieller Empfindungen wider. Überhaupt sind ihre Arbeiten von Naturerscheinungen und Landschaftserfahrungen stärker inspiriert, als man auf den ersten Blick festzustellen glaubt. So finden sich Wolkenformen, kleine Sonnen und an Gestirne erinnernde Kürzel. Gelegentlich hat die Künstlerin sogar Sand auf die Leinwand geschüttet, um die Präsenz des Bildes ins Taktile zu steigern, um es materiell fühlbar zu machen. Sie will eben alle Sinne zum Sprechen bringen. Grenzüberschreitung: Vom Bild zur Aktion Dafür sprengt Jablonsky hin und wieder den Rahmen des traditionellen Bildes. Schon die farbgetränkten Tuchreste, aus denen sie ihre kleinen „Nesselstücke“ fertigt, verließen das sichere Terrain, das die zwischen Holzleisten gespannte Leinwand bietet. Geknittert und zerknüllt, gedreht und gewendet haben sie eine experimentelle Behandlung durchlaufen, die jede Orientierung von Oben und Unten, Vorne und Hinten bis zuletzt verweigert. Hier und da werden solche „Nesselstücke“ weiterverarbeitet und – im „Leib-auf-Leib-Verfahren“ (Jablonsky) – in andere Bilder integriert. Beim „Kleid der Malerin“ gewinnt das eincollagierte Stoffelement eine zusätzliche Dimension, denn das schürzenähnliche Gewand ist Relikt einer Performance. Es dokumentiert die Spuren ihrer Aktion „Farben essen“. Dabei setzte Jablonsky ihren Kittel als Malgrund ein, der nach der „Häutung“, quasi als Beweismittel, überlebt und wiederum zu Kunst mutiert. Marion Leske (1994/2019)
Stand: 15.01.2020, 12:54
Stand: 29.12.2019, 17:43